Es gibt nur uns beide

am

von Ina Nádasdy

Sie konnte ihn nicht leiden. Außer einer ärgerlichen Last war er nichts. Er tat, was er wollte und entzog sich ihrer Kontrolle. Er roch nicht so, wie sie es mochte. Er hatte so einen käsigen Geruch, der an einen vergammelten Parmesan im Kühlschrank erinnerte. Er passte nicht in die Kleidung, die sie ihm gab. Zu dick an der Hüfte, zu schmal an den Schultern, zu kurze Beine für die Jeans. Selbst die strohigen Haare weigerten sich in der Frisur zu bleiben, die sie machte.

Abgesehen davon hatte er ständig Hunger. Und egal, wie viel sie ihm Essen gab, egal wie gesund es war, er hatte immer Appetit auf Chips und Junk-Food. Sie konnte ihn dann kaum im Zaum halten. Er überrumpelte sie immer. Anschließend klagte er über Bauchschmerzen und Übelkeit. Auch war er ständig krank und immer tat ihm irgendwas weh. Sie ertrug ihn einfach nicht mehr.

Neulich fuhren sie zu einem Termin. Dann kam der Durchfall. Es roch sofort im ganzen Auto säuerlich. Und ohne es zu sehen, wusste sie sofort, dass der Autositz unter ihm in Mitleidenschaft gezogen worden war. Sie hatte Recht behalten. Ein feuchter Fleck hatte sich auf dem Stoffüberzug ausgebreitet. Wie sehr sie ihn hasste. Sie musste sich zusammen nehmen, um ihn nicht zu schlagen. Verdient hätte er es, ihrer Meinung nach. Wenn nicht noch Schlimmeres. Sie wollte es ihm mit gleicher Münze heimzahlen. Er sollte ruhig wissen, wie es war, von jemanden gequält zu werden, von dem man nicht loskam. Ja, das würde sie machen, beschloss sie und sie lächelte.

Sie waren nicht beim Termin erschienen, sie hatte abgesagt und war mit ihm nach Hause gefahren. Sie wusch ihn gründlich. Ein bisschen musste man ihn ja in Sicherheit wiegen. Sie trocknete ihn ab und dann begutachtete sie ihn, wie er da so nackt stand. Dann schlug sie zu. Mit der Faust. Erst zögerlich, dann immer kräftiger. Sie wusste, es würde blaue Flecke geben. Das geschah ihm nur recht.

Nach einer Weile, als ihr die Kraft ausging, besah sie ihn nochmal. Besser gesagt, sein Spiegelbild. Gekrümmt stand er da und zitterte. Geschunden. War sie zu hart gewesen? Sie setzten sich auf den Badezimmmerboden. Dann schlang sie die Arme um sich, um ihn. Irgendwie gehörte er ja doch zu ihr. Er würde sie nie verlassen. Sie würde ihn nicht verlassen. Sie waren auf so vielen Ebenen verbunden.

„Keine Angst, mein Körperchen“, flüsterte sie ihm, sich selbst zu. „Es gibt nur uns beide. Und ich passe auf dich auf.“

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