Die Bleiwüste

von Elias Vorpahl

Worte, die in ihren Ausläufern lebten, nannten sie die ‚Schwarze Wüste‘. Sie gaben ihr den Namen nicht etwa aufgrund ihrer Farbe. Sicher, sie war schwarz wie das Graphit, aus dem sie bestand. Das war aber nicht der Grund. Die Worte, die es wagten, die Schwarze Wüste zu betreten, wurden nie wieder gesehen. Sie wurde ‚Schwarze Wüste‘ genannt, weil sie den Tod brachte.

Trotz ihres abschreckenden Namens machten sich immer wieder furchtlose Worte auf den Weg, die Schwarze Wüste zu durchstreifen. Lange Zeit hielt sich nämlich die Legende, dass inmitten der Wüste ein aus Elfenbein erbautes Schloss stünde. Im Schloss solle ein großes Wort leben, ein König ohne Königin, der weiße Worte sammelte. Brächte man ihm ein weißes Wort, so würde man vom König geadelt, und lebte fortan in Reichtum.

Die Legende war wahr. Im Hofgarten des Schlosses wuchsen weiße Lilien, zwischen denen weiße Einhörner grasten. Geschenke der Worte, die das Schloss erreicht hatten. Über die Jahre geriet die Legende über das Schloss in der Wüste jedoch in Vergessenheit. Traf ein Wort im Königreich ein, lebte es, reich beschenkt, im Hofstaat des Königs. Es kehrte kein Wort aus der Wüste zurück, was die Abenteuerlust anderer Worte neu entfacht hätte. So folgten immer weniger Worte dem Ruf der Wüste, und es vergingen manchmal Jahre, bis dem König wieder ein weißes Wort gebracht wurde. Den König beunruhigte das. Seine Sammlung wuchs nicht mehr, und gleichzeitig ahnte er, dass ihm das weißeste Wort von allen in seiner Sammlung noch fehlte. Er wies seine ihm dienenden Worte an, die Lastentiere zu satteln, und eine Karawane mit den tapfersten Worten zu bilden, die an seinem Hofstaat zu finden waren. So machten sie sich auf, die schwarzen Graphit-Dünen zu durchqueren, um die in den bleiernen Dünenfeldern verloren gegangenen Worte zu retten. Auf seinem Wüstenschiff ritt der König ihnen voran.

Auf seinen Reisen vergingen Wochen, später Monate, bis sie auf ein verirrtes Wort stießen. Der König brachte dann Schneeeulen mit nach Hause. Oder die Federn von weißen Gänsen. Kehrte er von einer Reise zurück, war er befriedet. Er beschenkte den Reisenden, der ihm die neuen weißen Worte gebrachte hatte, kümmerte sich um seinen Hofstaat und traf Entscheidungen, die während seiner Abwesenheit unentschieden geblieben waren. Ein paar Wochen hielt dieser Zustand an, bis der König erneut Zweifel bekam. Es musste da draußen doch noch ein Wort geben, das weißer war als alle Worte, die er bisher gesehen hatte.

So vergingen die Jahre. Der König hatte keine Frau. Das große Wort war stets auf Reisen, und seine Gedanken drehten sich ständig nur um die Worte, die er noch sammeln wollte. Der König reiste in immer entferntere Gegenden der Schwarzen Wüste. Monatelang war die Karawane unterwegs, ohne dass sie auf ein neues Wort stießen. Als ein ganzes Jahr zur Neige ging, wurde er unsicher. Er betrachtete die dunklen Dünen, die sich endlos lang vor ihm ausbreiteten, und fühlte sich so einsam wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er dachte an seinen Hofstaat, den er auf sich allein gestellt zurückgelassen hatte. Er dachte an die vielen weißen Worte, die er jetzt schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Und er dachte an die Königin an seiner Seite, die es bisher nicht gab. Wie hatte er glauben können, immer noch weißere Worte zu finden? Konnte er nicht mit dem zufrieden sein, was ihm die Wüste bisher gegeben hatte? Viele Tage dachte der König darüber nach, bis er schließlich die Entscheidung traf, nach Hause zurückzukehren. Immer wieder fragte er sich, wie seine Untertanen wohl reagieren würden, wenn er ohne ein neues Wort für seine Sammlung zurückkehren würde. Wären sie enttäuscht von ihm? Ein paar Mal ließ er die Karawane doch wieder umdrehen, um seine Suche fortzusetzen, besann sich aber stets eines Besseren.

Als die Karawane nach fast zwei Jahren zum Schloss zurückkehrte, hatte sich sein gesamter Hofstaat versammelt. Sie jubelten der verschollen geglaubten Gruppe des Königs zu. Als der König von seinem Wüstenschiff stieg, mussten sie ihre Blicke von ihm abwenden, bis sich ihre Augen an das weiß gleißende Wort gewöhnt hatten, das mit ihm auf dem Kamel saß. Auf der Heimreise hatte der König die Weisheit gefunden, mit der er glücklich bis ans Ende aller Tage in der Schwarzen Wüste lebte.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. annikakemmeter sagt:

    Ich lese jedes Mal, wenn ich über den Titel stolpere, „Die Bleiwürste“. Was sagt das über mich aus?

    Gefällt 1 Person

    1. Elias Vorpahl sagt:

      Bist halt sehr gebährfreudig! 😜

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      1. Eher hungrig … 🌭🌭🌭🌭

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