Die Anderen

von Verena Ullmann

Caroline stand vor der verspiegelten Schiebetür ihres Kleiderschranks und überlegte, was sie anziehen sollte. Zuvor hatte sie tagelang darüber nachgedacht, was die Anderen anziehen könnten und sich dann ein bunt gestreiftes Kleid gekauft.

Es saß gut. Der Stoff fühlte sich hochwertig an. Aber die Volants am Dekolletee riefen ihr aus dem Spiegel zu: Das wärst du gern, Caro, aber das bist du nicht. Das nimmt dir keiner ab! Kaum war der Reißverschluss oben angekommen, sauste er schon wieder nach unten. Eine verwaschene Bluse flüsterte, ich wäre auch noch hier. Mit mir machst du nichts falsch, Caro. Ich bin zu still, um erinnert zu werden, zu blass, um Eindruck zu machen. Na gut, dachte Caroline und schlüpfte in das unverfängliche Baumwollteil. Dazu ihr heißgeliebter Bleistiftrock. Den dazugehörigen Blazer – dunkelgrün glänzend – konnte sie immer noch ausziehen, falls sie overdressed wäre, und mit der Wand verschmelzen. Ein Superman-Zwiebellook, dachte sie, nur andersherum. Damit kann man wirklich nichts falsch machen.

Das mit dem Friseurtermin heute Vormittag hatte noch geklappt, die Strähnchen strahlten wieder und kaschierten die ersten grauen Stellen am Ansatz. Sie fragte sich, ob die Haare der Anderen noch genauso aussehen würden wie früher. Wohl kaum. Vielleicht würde sie kleine kahle Stellen an den Hinterköpfen entdecken. Zufrisierte Geheimratsecken. Und manche Pferdeschwänze würden fransigen Kurzhaarfrisuren gewichen sein. Im Spiegel begutachtete Caroline ihr Make-Up und zwischen den Augenbrauen seufzte eine tiefe Falte: Ja ja, die Frisur sitzt, aber über Botox solltest du dir langsam Gedanken machen, Caro.

Heute Nacht war sie dreimal aufgewacht, weil sie schlecht geträumt hatte. Das Übliche: Erst träumte sie, sie wäre im Schlafanzug dort aufgekreuzt, das zweite Mal saß sie im falschen Bus, der dann auch noch verunglückte und an den dritten Traum konnte sie sich nicht mehr richtig erinnern. Sie schaffte es wohl hin, zu den Anderen, aber dann ging irgendetwas schief, denn sie war schweißgebadet aufgewacht und hatte dabei auch noch Thomas geweckt. Thomas hasste es, geweckt zu werden und nahm sie trotzdem, wie jedes Mal, in den Arm.

Caroline fuhr den Mercedes aus der Garage. Er war sauber, aber nicht zu sauber. Sie war letzte Woche schon damit in der Waschanlage gewesen. Es soll ja keiner denken, du hättest es nötig, mit deinem Auto zu protzen, Caro, gaben ihr die glänzenden Felgen zu verstehen. Und das hatte sie wirklich nicht nötig. Auch wenn sie ihr Auto sehr mochte.

Als sie vor drei Monaten die E-Mail bekam und den ihr bekannten, aber so lange nicht gelesenen Namen sah, dachte sie zuerst an eine Phishing-Mail. Warum sollte der dir denn schreiben, Caro. Das ist doch bloß ein Fake und gleich hast du einen Virus auf deinem Laptop. Sie folgte trotzdem dem Link, sah sich die Einladung an und klickte auf „Zusagen“, ohne viel Nachzudenken. Erst die Tage und Wochen danach begann ihr Kopf zu rattern. Caro, Mensch, was hast du getan! Willst du die Anderen wirklich sehen? Nach so langer Zeit? Was willst du denn da? Denkst du, die wollen dich dabei haben? Denkst du, es hätte sich irgendwas geändert? Als die Fragen keine Ruhe geben wollten, sprach sie mit Thomas darüber. „Sag doch wieder ab. Oder geh halt einfach nicht hin, ist doch ganz einfach“, sagte er, so wie für Thomas immer alles ganz einfach zu sein scheint. Aber jetzt saß Caroline im Auto auf dem Parkplatz vor dem Lokal. Rückzug war keine Option. Rein. Jetzt. Zu den Anderen. Einmal und nie wieder.

Das Restaurant, das sie ausgewählt hatten, ist gerade erst neu eröffnet worden. Innen trifft Holz auf Beton. Damit kann man nichts falsch machen, denkt Caroline. Der reservierte Tisch ist noch unbesetzt. Die Anderen sammeln sich an der Bar in den alt bekannten Konstellationen. Ab und zu dreht die Neugierde einen Kopf in Richtung Tür. Caroline harrt im Türrahmen aus, bis die Köpfe zurückschwenken und die Rücken bleiben. Die Rücken. Die kennt sie. Auch wenn, wie erwartet, darüber die ersten kahlen Hinterköpfe thronen und manche Pferdeschwänze fehlen, ergänzt Carolines Gehirn die passenden Rucksäcke zu den Rücken. Die Jacken. Und die Umhängetaschen. Wie Panzer um die kleinen Trauben. Abgeschottet. Dicht an dicht. Freund an Freund. Freundin an Freundin. Anführer zwischen Mitläufer. Die Anderen. Eine unangreifbare Einheit, an der Caroline jahrelang vorbeimarschierte, jede Pause, aber eine Lücke fand sie nie. Sie versuchte es. Aber sie passte nicht dazwischen.

Bevor sich der nächste Kopf dreht, verschwindet Caroline die Treppe hinunter zur Toilette. Sie ist schon lange nicht mehr verschwunden. Früher war sie gut darin. Eine Zeitlang hatte sie sich gefragt, ob sie unsichtbar sei, wenn die Rücken – die laut lachenden, schnatternden, grölenden Rücken – unverrückbar auf dem Schulhof standen. Doch sie war nicht unsichtbar. Denn ab und zu hörte sie ihren Namen, beziehungsweise das, was die Anderen daraus gemacht hatten. „Die Caro …“ zischte es aus dem Inneren der Kreise, wo die Gesichter so eng beieinander lagen, dass die Stimmen sich die Münder teilten. Und manchmal, wenn sie dann an der Rucksackmauer stehen blieb und über zwei zusammengepresste Schultern lugte, erstarrten die Körper und verstummten die Stimmen, als hätte sie, „Die Caro“, höchstpersönlich die Zeit angehalten. Auch wenn sie sie nicht ansahen, so spürten sie zumindest, dass sie da war. Erst wenn sie sich wieder fünf Schritte entfernt hatte, erwachten die versteinerten Rücken wieder zum Leben. Caroline fand nie eine Erklärung für dieses Phänomen. Irgendwas an ihr musste falsch sein. Da waren sich die Anderen offenbar einig.

Vorm Spiegel auf der Damentoilette fühlt sie sich wieder wie in der achten Klasse. Sie betrachtet ihre blassblauen Augen, die beginnen, etwas glasig zu werden, und ihre Lippen, in denen sich die ganze Anspannung sammelt. Reiß dich zusammen, Caroline. Du siehst doch ganz normal aus. Unauffällig. Sehr sympathisch sogar, wenn du nicht so verbissen guckst. Nichts an dir ist falsch, flüstert ihr ihr Spiegelbild zu. Nun gut. Sie schließt kurz die Augen, legt den Kopf in den Nacken, um die Unsicherheit abfließen zu lassen und atmet tief durch. Dann zupft sie mit ihren Fingerspitzen die Haare und ihre Gedanken zurecht.

Sie geht die Treppe zurück nach oben. Den Blazer wird sie nicht ausziehen, hat sie beschlossen, den grünen Glanz behalten. Ihre Schritte sind hart und schnell vor lauter Entschlossenheit. Die Bar ist leer. Die Anderen haben Platz genommen, die Rücken über die Sitzbänke und Stühle verstreut. Die Mauer hat sich aufgelöst. Köpfe drehen sich um. Sie wartet, bis eine Stimme „Die Caro …“, zischt. Aber es passiert nicht. Die Gespräche verklingen nach und nach. Doch die Körper frieren nicht mehr ein. Gesichter blicken sie an, mit grüßenden Augen. Sie erkennt Julia, Kathrin und Matthias, Svenja erst auf den zweiten Blick, wie hieß der hagere blonde gleich wieder?, fragt sie sich. „Hallo Caroline“, sagt Kathrin. „Setz dich zu uns“, sagt Matthias. Und „Lange nicht gesehen, wie geht es dir?“, sagt der Blonde, der, wie es ihr gleich wieder einfällt, Florian heißt. Und die anderen lächeln und sehen ganz normal aus. Unauffällig. Sehr sympathisch sogar. So dass Caroline, als sie sich etwas zu trinken bestellt, gar nicht nachdenkt, nicht nachsieht, nicht zögert, sondern das nimmt, worauf sie Lust hat.

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  1. Irgendwie kommt mir das bekannt vor… zumindest die Angst vor solchen Situationen. Sehr nachfühlbar beschrieben.

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