Der Ausflug

von Elias Vorpahl

Das Scharren an der Tür weckte sie. Tim lag neben ihr und streichelte mit seiner kalten Hand an der Innenseite ihrer Oberschenkel entlang. „Was machst du denn da?“, flüsterte sie in die Dunkelheit und spürte seine Berührungen, die sie im letzten Jahr viel zu selten gespürt hatte. „Tim. Es ist Mitten in der Nacht. Du musst dich um Odie kümmern“, sagte sie und schob ihre Beine dabei ein Stück weiter auseinander. Seine Finger bewegten sich genau richtig. In der Hütte waren die Geräusche an der Tür jetzt deutlich zu hören. Es war ein Kratzen und ab und zu ein Klopfen. Der Hund war es nicht gewohnt, draußen zu schlafen. Ihre Eltern erlaubten das Tier, wie sie Odie nannten, nicht in der Ferienhütte. Es war das erste Wochenende in diesem Jahr, das Tim und sie hier verbrachten und es war allerhöchste Zeit. Michaela zögerte kurz, zog Tims Hand dann aber doch von sich und an ihren Mund. Sie küsste ihn. „Gib ihm den Kauknochen. Das beruhigt ihn“, sagte sie. Tim drehte sich mit einem Stöhnen zur Seite, zog die Decke von sich und setzte sich auf. „Das nächste Mal lassen wir ihn zu Hause“, sagte sie. „Ich verspreche es. Und beeil dich. Ich warte hier auf dich.“ Ihr Mann antwortete nicht. Er verließ das Zimmer und ließ sie allein.

Sie hätte es gehasst, jetzt aufstehen zu müssen. Schon als Kind graute es sie davor, nachts aufzuwachen und auf die Toilette zu müssen. Sie lag dann minutenlang da, bis sie sich endlich traute, den Lichtschalter umzulegen und das Zimmer zu verlassen. Sie war ein Schisser. Tim machten diese Dinge nichts aus. Michaela lag auf der viel zu harten Matratze ihrer Eltern und dachte an ihren Mann. Sie fragte sich, ob er es wusste. In den letzten Wochen hatte er sich zurückgezogen. Sie war nicht fremdgegangen. Aber sie hatte es sich vorgestellt, wie es wäre, wenn: Ein anderer Mann. Nach 16 Jahren Beziehung und zwei Kindern. Der neue Redakteur auf der Arbeit. Er hatte ihr Komplimente gemacht. Er hatte sie auf diese bestimmte Art angesehen. So wie Tim sie früher angesehen hatte. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie ihn raus zum Hund geschickt hatte. Sie hatten schon über zwei Monate lang nicht mehr miteinander geschlafen und dies war seit Langem ihre erste Nacht allein. Michaela hörte einen dumpfen Schlag. Und noch einen. Eine Zeitlang war es still in der Hütte. „Tim?“, rief sie. „Tim?“ Keine Antwort. Was machte er denn? Dann war das Scharren an der Tür erneut zu hören. Sie zog die Decke zur Seite und legte den Lichtschalter über dem Nachttisch um. Nichts. Die Sicherung musste schon wieder herausgesprungen sein. Die Hütte war einfach zu alt. „Tim?“, rief sie erneut. Wo war er? Auf dem Nachttisch tastete sie nach ihrem Handy. Sie schaltete die Taschenlampe an. Der weiße Lichtkegel der LED erleuchtete den Raum. Sie blieb einen Moment liegen und blickte zur Decke. Dann stand sie auf, schlüpfte in die Hausschuhe vor ihrem Bett und trat ins Wohnzimmer. Die alten Möbel ihrer Eltern standen dort. Das grüne Samtsofa und der Tisch mit gefliester Platte waren irgendwann einmal modern gewesen. Und teuer. Sonst würden ihre Eltern nicht darauf bestehen, dass Odie draußen blieb. Das Scharren und Kratzen war noch lauter zu hören. „Odie?“, rief sie. Warum bellte er nicht? Langsam ging sie durch den Flur zur Haustür. Die Tür stand offen. Ihr Blick fiel auf die Kammer im Flur. Das Kratzen kam von dort. „Odie?“, rief sie. Kein Bellen. Michaela drückte die Klinke herunter, aber die Tür zur Kammer öffnete nicht. Der Schlüssel steckte von außen. Sie drehte ihn, und zog sie auf. Mit ihrem Handy beleuchtete sie die Silhouette des Körpers, der dort am Boden lag. Die Arme und Beine ihres Mannes waren mit Paketband fixiert. Um Mund und Augen war ein Tuch gebunden. Er streckte ihr seine Arme entgegen und kratzte am Holz des Türrahmens. Dann spürte sie eine Hand an ihrer Taille, so kalt wie die Hand, die gerade noch ihre Schenkel gestreichelt hatte.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Beklemmend spannend geschrieben. Das schreit nach Fortsetzung ;-)

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