Rundlauf

von Elias Vorpahl

Heute würde er es verkündigen. Sascha Müller stand auf dem Schulhof und betrachtete die Jungen, die um die Tischtennisplatte liefen. Sie spielten Rundlauf und Marvin hatte es in die Runde der letzten Drei geschafft. Er war jünger als die anderen Beiden. Vielleicht um zwei Jahre. Marvin musste das Spiel hier auf dem Schulhof gelernt haben. Sascha kannte ihn aus seinem Unterricht, ein verschlossener Junge, der sich für nichts sonderlich zu interessieren schien. Es war eine schwierige Klasse. Ein paar Sitzenbleiber. Kinder, die Mittelfinger auf Papierschnipsel malten und sie auf Lehrer schossen, die dies zuließen. Sascha gehörte nicht zu diesen Lehrern. Wenn er am Anfang eines Schuljahres vor einer neuen Klasse stand, sagte er Dinge wie „Ich gratuliere euch. Ihr habt alle eine Eins. Ihr habt jetzt ein Jahr lang Zeit, diese Note zu halten.“ oder er fragte „Was wollt ihr mal werden, und was glaubt ihr, dafür tun zu müssen? “ oder wenn er die Klasse eines Kollegen übernahm, eröffnete er, indem er die alphabetisch geordnete Vokabelliste im Schulbuch des vergangenen Jahres aufschlug und erklärte „Wir schreiben jede Woche einen Test. Eine Doppelseite der Vokabeln, die ihr bereits können müsst. Von A bis Z. Heute beginnen wir mit A.“ Die Kinder hatten Respekt vor ihm. Vor der Mathematik, vor den Vokabeln, aber am meisten fürchteten sie, zu versagen. Und sie lernten bei ihm. Ableitungen, Wendepunkte, Stammfunktionen. Später in den Leistungskursen sogar Matritzenrechnung und Induktionsbeweise. Dinge, die er ihnen nicht zeigen musste, es aber trotzdem tat. Und sie sprachen Englisch. Sie lasen und verstanden Zeitungsartikel, die er ihnen von seinen Reisen mitbrachte.

Marvin stand im Finale. Er parierte den Angriffsball, indem er mit seinem Schläger ganz leicht an der rechten Seite des Balles entlangfuhr, wodurch der Ball mit starkem Linksdrall in die lange Diagonale befördert wurde. Vincent sprang in die linke Ecke und schob seinen Schläger unter den Ball, der durch den Spin etwas zu hoch auf Marvins Seite landete. Er könnte jetzt schmettern und deutete es auch an, indem er mit gewinkeltem Schläger ausholte. Vincent reagierte, trat einen Schritt nach hinten, um für einen Bruchteil von einer Sekunde zu spät zu sehen, wie Marvin den Schläger eindrehte und den Ball mit einem Stopp hinter die Netzkante setzte. 3 zu 2. Marvin hatte gewonnen. Er ballte die Faust. Vincent kam auf seine Seite der Platte und reichte ihm die Hand. „Gut gespielt.“ Einer der anderen Jungen rief „Anbau!“ und schon formte sich eine neue Traube für das nächste Spiel. Marvin setzte aus. Er kniete sich auf den Asphalt und gab vor, seinen Schuh zu binden. Dabei blickte er durch den schmalen Spalt, der sich ihm zwischen Arm und Bein bot auf die Baumgruppe, wo die Mädchen standen. Marie war damit beschäftigt, einer ihrer Freundinnen einen Zopf zu flechten. Sie musste ihn spielen gesehen haben. Da war sich Marvin sicher. Er beobachtete das Mädchen. Maries Vater war Arzt. Er hatte ihren Vater ein paarmal gesehen. In den Ferien, wenn seine Mutter ihn mitnahm, um ein neues Attest zu bekommen. Er hatte dann gehofft, dass Marie auch in der Praxis sein würde. Er stellte sich vor, wie sie ihrem Vater assistierte. Tabletten für die Patienten abzählte oder Blut abnahm. Er würde das machen, wenn seine Mutter Ärztin wäre. Er hatte mit seiner Mutter im Wartezimmer gesessen, hatte auf die Tür des Behandlungszimmers gestarrt und sich vorgestellt, wie die Tür aufginge, und Marie aus dem Zimmer käme. „Kowalcyk, bitte“, hätte sie gesagt. Wie eine Königin. Sie sprach wie eine Königin. Marie hätte ihn gesehen. Und seine Mutter. Obwohl, vielleicht war es besser, wenn sie seine Mutter nicht sehen würde.

Nadjas Haare waren wieder strähnig. Seit der Pubertät hatte sie mit einem fettigen Haaransatz zu kämpfen. Heute war es besonders schlimm. Marie stand hinter der Bank, auf der ihre Freundin saß, und hatte ihre Haare in drei Strähnen unterteilt. Sie durchkreuzte mit der rechten äußeren Strähne die Mittlere und griff dann um. Nadja versuchte es im Moment mit Kamillentee, den sie auf ihre Haare goss. Maries Vater hatte ihr das empfohlen. Bisher hatte es aber nicht geholfen. Marie füllte die Strähnen mit tiefer liegendem Haar auf und beobachtete dabei Herrn Müller, der auf der anderen Seite des Schulhofs stand und den Jungs beim Tischtennisspiel zusah. Bei Nadja wurde der Zopf immer perfekt. Ihr Haar war fein genug. Marie flocht ihrer Freundin den Dutch Braid. Den Zopf der Holländerinnen. Vor ein paar Monaten hatte sie Herrn Müller gefragt, was Braid hieß. Sie hatte es natürlich längst gewusst. Aber sie wollte seine Aufmerksamkeit auf ihren Zopf lenken. Im vergangenen Winter war Herr Müller in Amsterdam gewesen. Er hatte ihnen im Unterricht vom Amsterdam Light Festival erzählt, bei dem er mit dem Boot über lichtbeschienene Grachten gefahren war. Und er hatte Poffertjes probiert, kleine Pfannküchlein, die in speziellen gusseisernen Pfannen gebacken wurden. Ihr Lehrer war schon in der ganzen Welt gewesen. Am Morgen hatte sie eine Stunde an ihrem Zopf gebunden, sogar noch ein Seidentuch mit eingeflochten.  Er musste perfekt sein. Erwachsen. Und ihr trotzdem entsprechen. Das würde Herrn Müller gefallen.

Marvin hatte den Zettel in seiner Hosentasche schon eine Woche lang mit sich herumgetragen. Es musste der richtige Moment sein. Jeden Morgen hatte er den Zettel neu parfümiert. Seine Mutter besaß nur ein paar von diesen billigen Eau de Toilettes, die viel zu süß rochen. Deshalb hatte er letzte Woche den Tester geklaut. L’eau majeure d‘issey stand auf der Flasche. Das Parfum roch genau wie die Männer, die manchmal bei ihnen zu Hause übernachteten. Jetzt war es soweit. Sie waren zu acht beim Rundlauf gewesen. Er war der jüngste gewesen und hatte trotzdem gewonnen. Marvin zögerte kurz, blickte auf die Schnürsenkel seiner Nikes und stand dann auf. Der Weg zur Baumgruppe, wo die Mädchen standen, erschien ihm jetzt viel weiter, als es eigentlich der Fall war. Der Asphalt des Schulhofs hatte sich an den Seiten aufgeklappt und sich zu einem Tunnel zusammengezogen, in dem er die Rufe und das Gekreische der anderen Kinder nicht mehr hörte. Langsam ging er dem Ende des Tunnels entgegen, wo Marie stand und seinen Zettel entgegennehmen würde. Der Weg durch die Sicherheitstüren des Drogeriemarkts war leichter gewesen. An der Kasse hatte er Labello und Rasierschaum gekauft, um nicht aufzufallen. Marvin rasierte sich zwar noch nicht – er hatte es nur einmal probiert und dann wieder gelassen – aber ein Labello erschien ihm zu wenig. Die Tester waren nicht markiert. Nur die Verpackungen waren das. Das hatte ihm Dennis gesagt, und ihm vertraute er bei solchen Sachen.

„Was macht er denn?“, fragte Nadja. Marie blickte vom Dutch Braid auf, der jetzt fast fertig war, und sah, wie Marvin auf ihre Gruppe zuschritt. Er ging langsam, sein Kopf in ihre Richtung fixiert. Die Arme hatte er nach unten ausgestreckt, die Hände zu Fäusten verkrampft. „Oh nein“, sagte Marie. Sie wusste, dass Marvin auf sie stand, seitdem sie letztes Jahr die neue Sitzordnung bekommen hatten. Sie saß mit Nadja in zweiter Reihe vor dem Lehrerpult, Marvin an einem der Tische ganz außen, die wie ein U um den Klassenraum arrangiert waren. Von dort betrachtete er sie. Sie sah es aus den Augenwinkeln und hoffte inständig, dass es nicht auch die anderen mitbekamen. Marvin war ein Kind. Er spielte Fußball, tauschte Sammelkarten und lief mit den anderen Kindern im Kreis um die Tischtennisplatte. Warum gerade sie?

Der Zettel in seiner Hand war jetzt schon verschwitzt. Es war ihm egal. Marvin hatte das Ende des Tunnels erreicht. Er stand vor Marie, die ihn fragend anlächelte. So hatte er sich es vorgestellt. „Hallo“, sagte er. „Das wollte ich dir geben.“ Dann streckte er ihr den Zettel entgegen. Marie griff nach ihm und ließ ihn in ihre Tasche verschwinden.

Sascha spürte dem samtenen Gefühl der Kreide an seinen Fingern nach, als er in großen Lettern das Wort „Farewell“ an die Tafel schrieb. Er drehte sich um und betrachtete die Gesichter seiner Schüler, die er vermissen würde. Timo, der sich dank seines Vokabeltrainings in Englisch von einer vier zu einer zwei entwickelt hatte. Louisa, die so schüchtern war, dass er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, sie jede Stunde von sich aus aufzurufen. Marie blickte ihn von ihrem Tisch in zweiter Reihe an. Ein liebes Mädchen, das so wissbegierig war, dass sie oft auch noch nach der Stunde mit Fragen zu ihm kam. Zehn Jahre lang war er an dieser Schule gewesen. Schon das Referendariat hatte er hier gemacht. Er war ein guter Lehrer gewesen. Er hatte seine Schüler verstanden. Wenn er um 7 Uhr den Kollegen im Lehrerzimmer einen Guten Morgen wünschte, dann fühlte sich das für ihn in der Regel genau so an: Wie ein guter Morgen, an dem er seiner 7a, seiner 10c und seiner Oberstufenklasse etwas beibringen würde. Und trotzdem musste er sich verabschieden: „Ich werde Ende des kommenden Halbjahres die Schule verlassen“, sagte er. „In Mathematik wird Frau Siebert meine Tätigkeiten übernehmen, die ihr ja bereits kennt. Sie wird dann wieder Vollzeit arbeiten. Für Englisch wird die Schule die vakante Stelle ausschreiben.“ Er hatte es gesagt. Erst jetzt fühlte es sich offiziell an. „If you have any questions, you may ask now. But please do so in English.” Schon Monate vorher hatte er seinen Plan mit der Direktorin besprochen. Sie hatte Verständnis gezeigt, obwohl ihr es nicht gefiel. Letzten Winter in Amsterdam hatte er jemanden kennengelernt. Fleur kam aus Arnheim, an der niederländisch-deutschen Grenze. Ein Jahr lang Fernbeziehung wären genug. In Bocholt hatte er eine Schule gefunden, die jemanden für die Mathematik brauchten.

Marvin sah die Tränen, die sich in Maries Augen gesammelt hatten. Er hatte ihr den Zettel gegeben, sich dann abgewandt und war direkt in die Klasse gegangen. Als die Pause vorbei war und auch die anderen Kinder in die Klasse kamen, hatte er sich zu seinem Schulranzen gebeugt, um darin etwas zu suchen, was es nicht gab. Selbstbewusstsein vielleicht. Erst jetzt blickte er sie wieder an. Er schaute von der Seite, so, dass Marie es nicht sah. Sie weinte vor Glück. Marie wischte sich die Tränen mit der Innenseite ihres Pullovers weg. Dann stand sie auf und verließ das Klassenzimmer. Sie hatte seinen Zettel gelesen. Sie hatte ihn gelesen.

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