Häutchen mein Liebchen

von Sophia Thomsen

Beim Wasserkraftwerk, unten, wo der Bach ins Tosbecken stürzt, treibt etwas. Es bläht sich auf und schrumpft und wird heruntergedrückt und schnellt wieder nach oben.
Eine Art Folie, aber organischer. Ein Riesenkondom, denkt Frau Rettich, und streckt den faltigen Hals noch ein bisschen weiter vor.
Zwischen den Wirbeln und Schaumkronen zappeln und zucken kleine Fortsätze, Frau Rettich zählt und verheddert sich und erkennt leere Fingerhüllen. Die zweite Hand ist wohl nach unten ins Flaschengrün verschwunden.

Es führen keine Stufen zum Becken hinunter. Frau Rettich schaut sich um und findet nichts Geeignetes, um die Haut herauszuziehen. Dann fällt ihr der Herr Glassmann ein, er hat so eine Vorrichtung zum Flaschensammeln, der kann vielleicht helfen. Es ist früh am Morgen und noch keiner unterwegs, und wenn sie sich beeilt bleibt genügend Zeit bevor die ersten Jogger kommen.

Sie begegnet Herrn Glassmann im Treppenhaus, den Greifer hält er in der einen Hand, in der anderen die schwere Tasche mit den Pfandflaschen und lässt sie gar nicht zu Wort kommen weil er so aufgeregt ist von seiner morgendlichen Flaschenrunde. An der Brücke hätten sie einen Ertrunkenen geborgen und Herr Glassmann habe alles gesehen – die Rettungssanitäter und die Bahre und darauf den verschlossenen schwarzen Plastiksack. Als Frau Rettich endlich zu Wort kommt, ist er gleich ganz bei der Sache, natürlich würde er helfen, er müsse nur die Tasche abstellen und sich Gummistiefel anziehen und ein festes Seil mitnehmen, zum Sichern. So machen sie sich auf zum Wehr.

Nachher zu Hause schleppt Frau Rettich den Küchentisch ins Wohnzimmer und zieht die beiden Seitenteile raus. Herr Glassmann ist heimgegangen, erst mal Schlafen nach seinen beiden Abenteuern.

Frau Rettich breitet die Haut aus und streicht sie vorsichtig glatt. Die Beine schön ausgestreckt und die Arme neben den Körper und dann schaut sie sich den leeren Menschen erst mal an. Er hat Schaden genommen, an einem Fuß sehen die Zehen ganz zerspleißt aus und ein langer gezackter Riss zieht sich über Wade und Oberschenkel bis zum Steiß. Hängengeblieben, denkt Frau Rettich. Sie hält die Haut prüfend gegen das Sonnenlicht, und betrachtet ganz genau die gezackten Ränder des Risses.

Unbemerkt schiebt sich eine kleine Wolke vor die Sonne.

In einer Blechdose bewahrt Frau Rettich fleischfarbene Nähseide auf. Früher hat sie Feinstrumpfhosen gestopft, jetzt flickt sie die Haut. Als Frau Rettich müde wird, schaltet sie den Fernseher an. Später träumt sie von flaschengrünem Wasser.

Der folgende Tag zieht sich dahin, Frau Rettich nimmt die Nadel in die Hand und mag flicken und mag nicht flicken. Als es klingelt, denkt sie es ist Herr Glassmann mit ihren Zeitschriften.

Auf der Fußmatte vor der Tür steht der Ertrunkene, jeder Fuß in einer kleinen Lache. Er schaut die Frau Rettich aus lidlosen flaschengrünen Augen an. Du möchtest wohl gerne deine Haut haben, sagt Frau Rettich, aber da wirst du dich noch gedulden müssen. Sie führt ihn ins Wohnzimmer und klappt ihm das Fußteil vom Fernsehsessel hoch damit er es bequemer hat.
Der Ertrunkene schaut den Einkaufssender und Frau Rettich näht, und nach jedem Stich blickt sie zu dem Ertrunkenen rüber, der mit geöffnetem Mund auf die Ringe mit Zirkoniasteinen starrt. Sie stellt ihm Pantoffeln hin, nur für den Fall.

Die kleine Wolke hat endlich genug Kraft gesammelt, um abzuregnen. Vor der Haustüre hat sich ein dunkler, feuchter Fleck gebildet, kaum als Pfütze erkennbar.

Als Herr Glassmann endlich die Zeitschriften bringt, sieht er den Ertrunkenen am Tisch eine komplizierte Patience legen, die Frau Rettich ihm beigebracht hat. Sie selber sitzt vor dem Fernseher, mit der Haut auf dem Schoß und näht.

In den nächsten Tagen hört es nicht auf zu regnen. Die Wäsche bekommt Stockflecken, an den Fenstern bildet sich Schimmel. Das Fernsehbild hat einen Grünstich bekommen. Der Kanarienvogel von Frau Brey im dritten Stock hat aufgehört zu singen. In ihrer Wohnung sitzen Frau Rettich und der Ertrunkene. Sie hören Klassik Radio, das in der letzten Zeit einen etwas gurgelnden Klang bekommen hat, aber daran haben sie sich gewöhnt.
Manchmal schaut Herr Glassmann vorbei oder Frau Brey, was der Ertrunkene so macht. Er wartet auf seine Haut, sagt Frau Rettich, ich weiß es. Er schaut dabei so flehentlich. Der kann doch gar nicht flehentlich schauen, erwidert Frau Brey, so ganz ohne Augenlider. Sie sieht die Sache eher skeptisch und macht sich Sorgen wegen ihrem Kanarienvogel.

Der Ertrunkene sagt dazu nichts.

Frau Rettich denkt, Herr Glassmann könnte ihm vielleicht Schach beibringen. Ab und zu fällt ihr beim Nähen etwas Schönes ein, das erzählt sie dem Ertrunkenen dann.
Die Tage vergehen. Der Regen prasselt gegen die Fenster. Die Ränder von Frau Rettichs Zeitschriften sind schon ganz gewellt. Die Geranien sind alle eingegangen. Auf den Straßen laufen die Gullis über.

Frau Rettich trödelt bei der Arbeit. Sie hat sich an die Gesellschaft gewöhnt. Sie erzählt dem Ertrunkenen lange Geschichten aus ihrer Kindheit, gemeinsam blättern sie in Fotoalben. Wenn Frau Rettich näht, führt sie winzige Stiche aus, und wenn ein Stich nicht akkurat ausfällt, trennt sie wieder auf. Sie muss lange Pausen machen. Der Ertrunkene wartet geduldig. Umsonst hat Herr Glassmann versucht, ihn für seinen Roller zu begeistern – er mag die Wohnung nicht verlassen.

Das Wasser steigt in den Rohren auf. Es läuft aus den Ausgüssen und fließt nicht mehr richtig ab, grüne Ränder bilden sich in den Becken und Wannen. Der Putz wirft Blasen, in den Zimmerecken wächst Moos.

Es ist das Ding, sagt Frau Brey beim Tee und zeigt auf die Haut, du musst es loswerden. Am Morgen hat sie eine Schnecke am Fensterbrett entdeckt, im dritten Stock. Wir werden noch alle verschimmeln, fügt sie finster hinzu. Frau Rettich läuft jetzt nur noch im Bademantel durch die Wohnung – wozu in die feuchte Wäsche schlüpfen, sie geht jetzt eh nicht mehr nach draußen. Sie näht in der Küche, lässt das Rohr auf kleiner Stufe heizen und setzt sich neben die geöffnete Klappe. Dabei schimpft sie leise über die Frau Brey und denkt sich böse Wörter aus.
Aber wenn sie den Ertrunkenen anschaut, kann sie sich nicht helfen. Er wirkt trauriger als sonst. Er wartet auf seine Haut, denkt sie, und dann?
Dann nimmt er sie und geht.

Je länger Frau Rettich näht umso langsamer kommt sie voran. Nichts ist ihr gut genug, und manchmal trennt sie die Arbeit von Stunden wieder auf.
Sie hat dem Ertrunkenen längst alle Fotos gezeigt. Patiencen legen sie nicht mehr, die Spielkarten sind aufgeweicht und lassen sich nicht mehr mischen. Das Radio hat einen Kurzschluss. Das mit dem Schach ist nichts geworden. Manchmal summt Frau Rettich Schlager aus ihrer Jugend.

Am Ende streicht Frau Rettich die Haut glatt und betrachtet kritisch die Naht – sie wird halten. Sie sperrt die Haut in ein Klappfach in der Wohnzimmerschrankwand. Den Schlüssel behält sie in der Tasche vom Morgenmantel.

Die Tage vergehen schweigend.
Wenn der Ertrunkene Frau Rettich anschaut, ist es so, als würde Seegras in ihrem Kopf wogen. Dann fühlt sie das Leben im Bach und seine große Sehnsucht danach.
Und manchmal erwacht sie nachts aus flaschengrünen Träumen und hört seine schmatzenden Schritte auf dem feuchten Teppich und das Scharren an den Möbeln, wenn er seine Haut sucht.
Ich hätte sie verbrennen sollen – durchfährt es sie dann – als es noch nicht zu spät war. Als noch nicht alle Streichhölzer durchnässt waren.

Aber die Streichhölzer zischen nur ein wenig wenn man sie anreißt und lassen einen dünnen Faden Rauch aufsteigen. Auch das Reibrad des Feuerzeuges erzeugt zwar noch ein hässliches Geräusch, aber keine Funken mehr. Herr Glassmann raucht nicht mehr, jetzt ist er ganz übellaunig.

Frau Rettich schläft schlecht. Das Kratzen und Patschen des Nachts erzeugt so eine Unruhe. Tagsüber tut der Ertrunkene dann so, als wäre nichts gewesen. Er blickt aber weg wenn die Frau Rettich sich nähert und schaut immer nur in die Quecksilberwelt vor dem Fenster. Eingeschnappt, denkt Frau Rettich. Wenn sie sich dann ein wenig hinlegen möchte, klingelt die Frau Brey unter irgendeinem Vorwand. Erst hat sie noch geliehen – eine Tasse verklumptes Mehl oder eine ausgekeimte Zwiebel. Und dann an der müden Frau Rettich vorbei in den Flur geschielt, nach dem Ertrunkenen und der Haut.
Als die Frau Rettich sie nicht mehr reinlässt, bläst ihr Vogelgesicht sich wütend im Spion auf. Sie äugt durch den Briefschlitz, schabt an der Tür und ruft rein – „Ich weiß dass du da bist!“ Natürlich weißt du alte Schachtel das, denkt Frau Rettich, wohin sollte ich auch in meinem Morgenmantel. Bei dem Wetter da draußen. Und hofft inständig, dass der Kanarienvogel das Singen wieder anfängt. Dass die Frau Brey wieder anderweitig beschäftigt ist.

Aus den Abflüssen riecht es nach Dunkelheit, im Waschbecken klumpt Laich. Herr Glassmann behauptet, ein alleinstehender Grottenolm sei in sein Duschbecken eingezogen, aber vielleicht hat er das nur erfunden. Ab und an kommt er noch vorbei, aber seit die Frau Brey ständig im Treppenhaus herumlungert, hat Frau Rettich Angst ihm zu öffnen. Nicht dass der Vogelkopf sich mit hineinzwängt. Von der Schlaflosigkeit hat sie Kopfweh und die Frau Brey bereitet ihr Magenzwicken und das Schweigen des Ertrunkenen ärgert sie.
So geht das nicht mehr, denkt sie.

Wir müssen reden!

Der Ertrunkene tut so als ob nichts wäre, aber das kleine Funkeln in seinen Augen ist ihr nicht entgangen. Soso. Sie seufzt missbilligend und stemmt die Hände in die Seiten. Dann schlurft sie zur Wohnzimmerschrankwand und schließt bedächtig das Klappfach auf. Der Ertrunkene wird ganz kribbelig, hier hast du wohl auch gescharrt und gekratzt mein Lieber, und bist doch nicht reingekommen.

Da liegt die Haut, lebendig und frisch wie am ersten Tag, Frau Rettich lässt sie durch die Hände gleiten, weich und anschmiegsam wie Seide fühlt sich das an, oder sogar noch schöner. Der Riss ist fast verheilt, es ist nur noch eine kleine Narbe sichtbar.

Schau, da hast du deine Haut.

Und weil ein Ertrunkener nicht lächeln kann, reißt die Wolkendecke ein wenig auf und lässt zum ersten Mal nach langer Zeit ein wenig Licht durch.

Magst du sie nicht anprobieren?
Und er schlupft hinein oder die Haut schmiegt sich an ihn – so genau weiß man das nicht – und da ist er wieder heil und ganz und vor der Frau Rettich steht ein wunderschöner Wassermann.
Er plustert die Kiemen und gurgelt und prustet und speit etwas Freundliches, dann quatscht er aus der Wohnung und die Treppe herunter und tappt auf die Straße.

Von ihrem Fenster sieht ihm Frau Rettich nach, wie er durch die Pfützen patscht, durch eine Welt die ihm und ihr fremd ist, dem Bach zu.

 

Foto: Pexels Chaudhary Ankush  

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