Da ist etwas im Wasser

am

von Ina Nádasdy

Mein Großvater war ein 80 Jahre alter Mann, der sich bereits in frühen Jahren gerne als alt bezeichnete. Das hat seine Umwelt allerdings weniger gewundert als die Tatsache, dass er immer noch sehr agil war. Sein Wundermittel, sagte er immer, sei Wasser. Im Jungbrunnen sei ja auch nichts anderes. Deswegen trank er jeden Tag an die drei Liter reines Wasser. Aber er trank es nicht einfach so. Jeder Schluck musste zelebriert werden. Denn Wasser, das wusste er, war ein wichtiges Gut. Man musste mit den Gedanken beim Wasser sein, wenn man es trinkt. Ganz bewusst musste man es aufnehmen, dann entfachte es seine Kraft. Er trank stets nur Wasser aus seinem eigenen Schachtbrunnen, der sich aus dem Grundwasser der Gegend speiste.

Im Frühling 20.. fuhr ich nach Nordend nahe der Stadt A., um meinen Großvater zu besuchen. In dieser Gegend gab es nicht viel außer ein paar leerstehende Bauernhöfe und andere Gemäuer, die langsam, aber stetig in sich zusammenfielen. Die meisten Fenster waren schon eingeschlagen und die Bretter, die die Fenster und Türen verbarrikadieren sollten, vermoderten und brachen bereits.

Mein Großvater lebte auf seinem Hof noch etwas abseits. Seine Nutztiere hatte er schon vor Jahrzenten verkauft. Das Leben hier musste sehr einsam für ihn sein. Er wartete bereits auf mich vor dem Haus, als ich mit meinem Wagen in die Einfahrt fuhr.

„Da bist du ja“, sagte er.

„Ja, da bin ich“, antworte ich und umarmte ihn zur Begrüßung.

Ich nahm meine Tasche vom Rücksitz des Autos und wir gingen ins Haus.

„Ich mach mich mal kurz frisch. Es war eine lange Fahrt“, sagte ich und ging ins Badezimmer, um mir die Hände zu waschen. Ich drehte den Wasserhahn am Drehgriff auf. Eine Sekunde lang hörte ich nur ein Rauschen, aber kein Tropfen Wasser kam heraus. Dann sprudelte etwas und eine rostbraune Flüssigkeit trat aus dem Wasserhahn heraus. Eine Weile wartete ich, aber das Wasser wurde nicht klarer. Mit meinem Zeigefinger wagte ich mich heran und ließ ihn mit der Flüssigkeit benetzen. Ich begutachtete es. Es fühlte sich wie Wasser an. Die Farbe musste wohl vom Rost aus den alten Rohren kommen. Ich wusch mir die Hände und drehte dann den Hahn zu.

Am Abend saß ich mit meinem Großvater zusammen am Esstisch. Er hatte einen Krug mit Wasser aus dem Brunnen auf den Tisch gestellt. Er hatte uns eingeschenkt.

Er nahm einen Schluck, ganz bedächtig. Dann sagte er, während er das Wasser in seinem Glas betrachtete: „Weißt du, ich wusste nicht, wie Liebe schmeckt. Es ist ein weicher, süßer Geschmack, aber nicht aufdringlich. Ich hätte es auch beinahe nicht erkannt, habe es als selbstverständlich hingenommen. Doch jetzt erkenn ich ihn sofort, den Geschmack von Liebe.“

Ich hob eine Augenbraue, aber er bemerkte es nicht. Zu sehr war er von seinem Wasser eingenommen. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, oder ob ich mir Sorgen machen sollte. Vielleicht schlug die Einsamkeit sich auf sein Gemüt? Vielleicht wurde er dement? Ich würde ihn während meines Aufenthalts genau beobachten, sagte ich mir.

„Das muss ja ein Wahnsinnswasser sein“, meinte ich und nahm einen Schluck. Es war gar nicht, wie er gesagt hatte. Es war nicht süß, es schmeckte säuerlich. Ich roch daran. Aber es gab keinen Geruch ab. Ich nahm noch einen Schluck. Dann wurde mir schlagartig schlecht. Mein Magen schien sich in meinem Bauchraum zu winden und zu überschlagen. Ich sprang auf, lief in die Küche und übergab mich ins Waschbecken. Aber nur Galle und das Wasser kam heraus. Seit dem Vormittag hatte ich nichts gegessen und da auch nicht viel. Früher, daran konnte ich mich erinnern, hatten ihre Großeltern Cola in Mengen im Keller gebunkert, falls ihre Enkel zu Besuch kamen. Ob es da noch etwas gab?

Ich putzte das Waschbecken und stieg dann in den Keller hinab. Und tatsächlich, es gab noch einige Flaschen. Ich schraubte gleich eine Flasche auf und nahm einige Schlücke. Sofort verschwand das Übelkeitsgefühl und ich fühlte sich besser. Ich würde nur noch Cola trinken, solange ich hier bleiben würde. Das stand fest.

Mit drei Flaschen ging ich zurück nach oben und setzte mich wieder zu meinem Grovater. Wir sprachen noch lange bis in die Nacht, bevor ich zu Bett ging. Es war ein sehr schöner und ausgesprochen lustiger Abend.

Am nächsten Morgen fand ich meinen Großvater auf der Terrasse sitzen. Obwohl ich ihn grüßte und versuchte, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, blieb er stumm. Er sah mich nicht mal an. Sein Blick ging nur stur geradeaus. Er wirkte unendlich weit weg. Nichts schien mehr da zu sein von dem lustigen Mann, der er gestern Nacht noch gewesen war. Er blieb den ganzen Tag so und auch die nächsten Tage. Egal, ob ich auf ihn einredete oder ihn anschrie, er reagierte nicht auf mich.

Einmal ging spazieren. Ich brauchte frische Luft und sah mir die Gegend genauer an, in der mein Großvater lebte. Ob ich ihn hierlassen konnte? Oder sollte ich ihn besser mit in die Stadt nehmen?

Ich sah Wälder voller Bäume, von denen die Luftwurzeln der Würgefeigen herunterhingen, sich langsam um die Baumstämme schlängelten und sie irgendwann erdrücken würden. Auf den Wiesen wuchsen Unmengen an Gräsern, aber es sah seltsam aus. Es wuchs alles sehr üppig, wirkte aber gleichzeitig kränklich. Ich bemerkte viele farblose Pflanzen zwischen den Gräsern, Vogel-Nestwurz und Fichtenspargel. Parasitäre Pflanzen. Eine komische Gegend hier, dachte ich und trat den Weg zurück an. Als ich auf das Haus meines Großvaters zuging, fiel mir der Schachtbrunnen ins Auge. Um ihn herum wuchsen lila und magenta-farbene Blumen. Nirgends in der Gegend hatte ich diese Blumen gesehen, nur hier. Nur um den Brunnen. Ich ging näher, um die Blumen zu betrachten. Ihre Blüten erinnerten an Schleifen, die sich zu einem Kelch formten. Noch nie hatte ich solche Blüten gesehen. Und erst jetzt, als ich mich in die Wiese setzte, merkte ich, dass ich in all den Tagen seit ich hier war, nie ein Tier gesehen oder gehört hatte. Es gab keine Vögel, die morgens zwitscherten, keine Insekten, die jetzt durch den Garten krabbelten. Komisch, wenn einem durch die Stille auffällt, wie still es die ganze Zeit schon war.

Ich sah hoch zum Himmel, aber er war bis auf einige Wolken leer. Ich stand auf und ging zum Brunnen. Ich sah hinein. Es war nur ein schwarzes Loch. Das Wasser unten konnte ich nur erahnen. Aber an der Innenseite des Brunnens entdeckte ich Verkrustungen. Wie kleine Kristalle sah es aus. Es hatte sich eine Art rosanes Salz in den Stein gefressen. Es sah fast aus wie grobes Himalaya-Salz. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Dann kam mir ein Gedanke, eine Erinnerung, die ich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte. Ich muss das überprüfen, dachte ich und rannte ins Haus. Erst in die Küche, dann ins Bad. Ich inspizierte die Wasserhähne und auch die Dusche. Überall, wo Wasser austrat, hatte sich diese Verkrustung, ähnlich wie Grünspan, gebildet. Überall kleine, grobe Salzkristalle, die rosa schimmerten.

Ich rannte los, um meinen Großvater zu suchen. Er saß nicht mehr auf der Terrasse. Ich hörte im oberen Stock des Hauses etwas rumpeln und folgte dem Geräusch. Ich fand ihren Großvater, der vor einer umgekippten Holzkiste stand. Er starrte stur geradeaus.

„Großvater“, sagte ich leise und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Er reagierte nicht.

„Großvater, hier ist etwas sehr merkwürdig. Du solltest dieses Wasser aus dem Brunnen oder aus den Leitungen nicht mehr trinken.“

„Aber das Wasser ist gut“, sagte er leise, wobei seine Stimme nicht mehr als ein heiseres Flüstern war.

„Es ist nicht gut. Großvater, da ist etwas im Wasser.“

Er sagte nichts. Er sah nur geradeaus.

„Ich werde dich mit zu mir in die Stadt nehmen. Das Wasser tut dir nicht gut.“

Auf einmal ging ein Ruck durch seinen Körper. Er drehte sich blitzschnell zu mir um und funkelte mich böse an.

„Was meinst du denn, was du hier tust, du kleines Balg?“, schrie er mich nun an. „Du kommst hierher, um mir zu sagen, was ich trinken darf und was nicht? Und jetzt willst du mich hier fortbringen?“

Er hob die Holzkiste auf und warf sie gegen die Wand, so dass die Kiste zerbarst. Ich schrie auf und sprang aus seiner Reichweite. Ich rannte zur Treppe. Vielleicht kam ich ja schnell genug aus dem Haus. Aber er war schneller. An der Treppe hatte er mich eingeholt und so fest am Handgelenk gepackt, dass ich vor Schmerz aufschrie. Ich zerrte, um mich zu befreien, doch sein Griff war viel zu stark und unnachgiebig. Er schrie weiter auf mich ein, doch ich konnte kein Wort verstehen, von dem, was er sagte. Ich dachte nur noch daran, wie ich mich befreien könnte. Ich trat und schlug um mich. Es zeigte Wirkung. Er ließ mich los. Und er fiel. Es ging so schnell. Ich konnte ihm nur beim Fallen zusehen. Mich bewegen oder handeln, das konnte ich nicht. Dann hörte ich es knacken. Mein Großvater blieb regungslos am Fußende der Treppe liegen. Wir beide bewegten uns nicht. Als schließlich doch noch ein Ruck durch meinen Körper ging und mich zu ihm trieb, rührte er sich nicht. Er atmete nicht.

Ich taste nach meinem Smartphone in der Hosentasche und zog es mit zitternden Händen heraus.

Da war etwas im Wasser. Etwas, das die Menschen veränderte. Und es war im Trinkwasser.

Ich rufe die Polizei an. Es klingt, aber niemand hebt ab.

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