Seelenverwandt

von Lydia Wünsch

Er hat immer den bequemen Weg gewählt. Im Gegensatz zu ihr hat er nie verstanden, warum man sich das Leben unnötig schwer machen sollte. Aus was für einem Grund, sich selber quälen? Wenn man Hunger hat, isst man doch auch. Wenn man etwas nicht kann, lässt man es eben bleiben. Wenn etwas Spaß macht, tut man es wieder. So war er und sie hat ihn dafür gehasst.

Sie war die Getriebene von ihnen beiden. Warum? Lag es an ihrer schweren Kindheit? Oder war sie einfach schon immer so? Wie wird man, wie man ist? Und warum liebt man den Menschen am meisten, den man am meisten hasst?

„In Wahrheit wollte ich sein wie er“, sagt sie heute. „Für ihn war alles so leicht. Er hat nachts gut geschlafen, egal wie der Tag gelaufen ist. Er wollte sich nie verbessern. Er konnte einfach nur sein. Er ließ sich treiben und trieb mich damit in den Wahnsinn.“

Sie wollte ihn ändern. Sie wollte, dass er sich anstrengt. Dass er anfängt zu fragen, zu suchen, zu bohren. „Dann hätten wir uns endlich verbunden gefühlt“, so hoffte sie. „Wir wären Seelenverwandte geworden.“ Dann hätte er verstanden, dass sie nur so hart zu ihm war, weil sie ihn liebte. So wie er dalag. Zufrieden mit sich und der Welt, wie er mit glasigen Augen in den Fernseher starrte, so konnten sie nicht richtig zusammen sein. So konnte sie ihn nicht richtig lieben. Sie musste sein wahres Ich herausholen.

Als die Streitereien heftiger wurden, fing sie immer mehr an, zu zweifeln. Gab es da überhaupt etwas herauszuholen? Oder war er eine tote Seele. Sie fing an, nachts zu grübeln. Sie wanderte im Schlafzimmer umher, während er schlief wie eine fette faule Wanze. „Ich hasste es, diese Wanze zu lieben.“ Was ging in seinem Kopf vor? Am Morgen fragte sie ihn, was er geträumt hatte und geriet in Wut darüber, dass er ihr keine Antwort geben konnte. Er träumte nicht. Niemals.

Sie hingegen hatte viele Träume. Sie wollte raus aus dieser Stadt, aus dieser Welt, aus diesem Leben. Zunächst mal raus aus dem Sozialwohnungsbau. Das wäre schon ein Anfang gewesen. In eine größere Wohnung. Vielleicht sogar mit einem eigenen Garten, in einer schicken Wohngegend. Vielleicht mal richtig Urlaub machen. In Ägypten. All inclusive. Oder in so ein Häuschen, das im Wasser steht. Sie träumte viel, aber immer ungenau. Sie hatte nie detaillierte Vorstellungen von dem, was sie wollte. Vielleicht war das das Problem.

Er verstand es nicht. Er sah nur, dass sie viel wollte, aber nicht was und wie er es ihr geben konnte. Und vielleicht interessierte es ihn auch nicht. Er hatte ja alles, was er brauchte. Seinen Job am Fließband. Seinen Fernseher abends und sie, an die er sich herankuscheln konnte, wenn sie nicht gerade fauchte, wie eine Katze. Aber selbst das störte ihn nicht sonderlich. Wenn es ihm zu viel wurde, ging er in die nächste Kneipe und blieb dort bis zum Morgen. Reumütig kam er zurück und ließ sich von ihr beschimpfen. Wenn sie sich ausgetobt hatte, legte er sich auf die Couch und schlief ein. So hätte es für ihn immer weiter gehen können.

Er dachte nicht daran, dass sich einmal etwas ändern könnte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie ihn immer wieder aus dem Haus warf. Er kam zurück, wenn er hoffte, dass Gras über alles gewachsen war. Aber in ihr brodelte es. Das hätte er doch ahnen müssen? „Wie konnte er so ruhig bleiben, wo ich neben ihm fast wahnsinnig wurde? Wollte er es nicht sehen?“

Ein paar mal schon hatte er ihr das Messer aus der Hand genommen, wenn sie in ihrer Wut damit herumfuchtelte. „Du spinnst ja!“, hatte er gesagt. „Jetzt bist du wohl total verrückt geworden.“ Auch, dass sie Selbstgespräche führte, bemerkte er lange nicht. Dass sie nachts wach lag und ihn anstarrte. Er hätte verhindern können, dass sie so weit geht. Aber er tat nichts und je weniger er tat, desto mehr musste sie tun.

Sie musste ihm das Messer so tief in sein Herz stechen, damit er endlich fühlen konnte, was sie fühlte.

Als sich seine Finger ein letztes Mal um ihr Handgelenk krallten und er ihr direkt in die Augen sah, hatte sie zum ersten Mal, das Gefühl, dass er es verstand. Dass er verstand, wie sehr sie ihn liebte und wie sehr sie das alles quälte. Kurz bevor seine Hand für immer erschlaffte, hatte sie endlich das Gefühl, dass sie sich nah waren. „Ja, für diesen einen Moment, waren wir seelenverwandt.“

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