Für immer halten

von Arina Molchan

Gestern haben wir sie herausgezogen – die junge Frau aus dem Moor. Ihr Arm war in die Torfstechmaschine gekommen – man hatte die Knochen nicht knacken gehört, aber ihre gegerbten Finger auf dem Förderband zucken gesehen, bevor sie im Schlund des Hexlers verschwunden waren.

Im Dorf sagten sie, dass sie dem alten Sumpfgott geopfert wurde – noch lange bevor die Zeit ihn vergessen hatte. Die Polizei ging derweil die Vermisstenanzeigen durch und der oberste Maschinist fragte, ob man den Fund zu Geld machen könne.

Dann erklärte ein Fremder: Viele seien damals vor Dschingis Khans Horde hierher geflohen und dabei ertrunken. Die Moorfrau könne eine von denen gewesen sein. Andere erzählten von den Wildfeuern und Irrlichtern, die in der Dämmerung Heimkehrer in den Morast lockten. Der Grund hier ist zwei, drei Meter tief und im Frühling knäueln sich die Nattern und Ottern auf den kleinen Grasinseln.

Ich wusste, dass nichts von dem Gerede stimmte, denn ich habe lange auf sie gewartet. Jeden Tag habe ich die Tür unserer Hütte offen gelassen. Im Frühjahr kamen so die Kröten herein, einsam oder zu zweit. Nachts sangen sie mir neben dem Waschzuber ihr Nachtlied. An milden Tagen, wenn die Luft nach Erde roch und die Sonne die Türschwelle wärmte, besuchten mich auch die Blindschleichen. Sie warteten auf mich, wenn ich, mit Schnecken an den Stiefeln, vom Dorf ins Moor zurückkam. In den Sommermonaten zählte für mich ein Grashüpfer die Minuten neben der kaputten Uhr, während Libellen an meinem Kopfkissen mit den Flügeln raschelten. Dann, in den Wintermonaten, wenn nur der Wind mit dem Riedgras tuschelte, kam die einsamste Zeit.

Aber jetzt hatte die Torfmaschine sie für mich gefunden.

Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war ich zehn gewesen, meine Schwester acht, mein Vater gefallen. Nach ’46 hatte man viele Fremde hierher geschickt, um die Gegend zu vermessen – junge Burschen, die bis zum Bauch im schwarzen Wasser standen und mit ihren Stöcken den Faulschlamm aufwirbelten. Manche gingen in den verminten Birkenhainen drauf.

Seitdem habe ich auf Mutter gewartet, manchmal nach ihr gesucht. Meine Schwester war schon lange weg – fortgegangen mit ihrer Brut. Ich hatte aber die Hoffnung nie aufgegeben.

Als man den Rest des Körpers vom nassen Torf befreit hatte, habe ich sie erkannt, an den Lebenslinien der ledrigen Handinnenfläche, an den dunklen Fingernägeln, an denen, die nicht in den Hexler geraten waren. Dem obersten Maschinist gab ich zwei Flaschen Selbstgebranntes und er sah weg, während ich am Handwurzelknochen schnitt und Teile von ihr mit nach Hause nahm – heim, um sie für immer halten zu können.

Bild: „Sumpf. Polesien“ 1890 von Ivan Schischkin
2016 erzählte mir mein Großvater in Belarus zum ersten Mal von seinen Eindrücken von den Sümpfen und den dort lebenden Menschen im Süden des Landes. Er kam in den Nachkriegsjahren für kurze Zeit dorthin. Die Prypjatsümpfe sind die größte Sumpflandschaft Europas und ihre Bewohner haben ihre eigenen Sitten und Gebräuche. Durch die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl ist das Gebiet heute in großen Teilen entvölkert.
Dieser Text ist nicht eine Geschichte über meinen Großvater. Seine Erzählungen haben mich aber dazu inspiriert.
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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Der Emil sagt:

    Ich finde diesen Text sehr, sehr berührend. Hast mit mitgenommen, nur über die Schwelle in Deine Hütte hinein hab ich mich nicht getraut ;-)

    Großartig. Danke.

    1. Wow, danke für diesen Kommentar! ❤️

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